
Moralismus schafft Trennung
Moralismus hingegen ist Moral mit erhobenem Zeigefinger. Dann geht es nicht mehr um werteorientiertes Handeln, sondern um Macht. Moralismus verkündet Wahrheiten, sucht Schuldige und schafft Trennung – heute häufig zu sehen in politischen Debatten. Längst hat sich der Moralismus auch in unseren Alltag eingeschlichen und unser Miteinander verändert.
Wenn es keinen Diskurs mehr gibt, sondern nur noch Entwertung, entsteht das Gefühl von Machtlosigkeit und Frust. Die Suche nach gemeinsamen Standpunkten, von denen aus man neues entwickeln kann, bleibt oftmals aus. Social Media verstärkt diese Entwicklung. In der Welt der anonymen Netzwerke finden nicht wenige Menschen ihre Erfüllung darin, andere niederzumachen.
Man könnte meinen, wir leben im Zeitalter von Trennung und Vereinzelung. Im Mittelpunkt steht die Selbstverwirklichung bei gleichzeitiger Selbstoptimierung. Haben wir im beruflichen Alltag gelernt, uns zu organisieren, ist der Anspruch ans Privatleben mittlerweile der gleiche und gipfelt in der optimalen Work-Life-Balance. Dieser neue Individualismus in Kombination mit Moralismus lässt Menschen schnell zu Narzissten werden – herzlichen Grüße an alle Hobbypsychologen.

Schauen wir uns die Entwicklung der Menschheit an, lag unsere Stärke immer in Kooperation und Co-Kreation. Als Jäger – das sind wir, sonst hätten wir die Augen wie Fluchttiere zur Seite – lernten wir, im Team zu jagen, was die Ausbeute erhöhte und dadurch die Entwicklung unseres Gehirns durch die erhöhte Proteinzufuhr begünstigte.
Die Folge von Trennung und Vereinzelung ist der Verlust des Gefühls von Selbstwirksamkeit. Wenn man sowieso nichts ändern kann, wozu dann überhaupt noch etwas tun? Auch düstere Zukunftsprognosen sind nicht dazu geeignet, ein positives Lebensgefühl zu entwickeln. Die spannende Frage ist: War es denn jemals besser als heute? Ich glaube nicht. Wir erzählen uns nur die Geschichten von der guten alten Zeit.
Ein Ausweg aus dieser Perspektivlosigkeit ist das Entwickeln einer eigenen Lebensvision, bei der es um mehr geht als um materielle Werte. Diese Vision lässt uns handeln, und durch unser Handeln machen wir die Erfahrung, wie wirksam wir sein können.
Vertraue auf deine Selbstwirksamkeit und sei offen für andere Sichtweisen.
„An unseren Gedanken leiden wir mehr als an den Tatsachen.“
-Seneca
