
Zukunft hat Geschichte
Am 01.08. war es 50 Jahre her, dass ich meine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel begann – in dieser Branche, in der ich nach einem längeren Ausflug in die Informationstechnologie Ende der Neunziger wieder gelandet bin. Im Grunde begann aber alles viel früher – im elterlichen Betrieb. In den Ferien begleitete ich meinen Vater bei Auslieferungstouren. Das war in den sechziger Jahren. Ich erinnere mich an eine Situation in der Werksküche eines Industrie betriebes in Bad Oeynhausen, den es lange nicht mehr gibt. Eine Küchenkraft kippte Reis aus einem Sack in einen der riesigen Kessel. Etwas ging daneben. Hand feger und Kehrblech waren schnell zur Hand, und der aufgekehrte Reis landete ebenfalls im „Topf”. Das hatte mich ehrlich gesagt schockiert, denn sowas kannte ich von zu Hause nicht. Ich habe die Szene tatsächlich noch vor Augen.
Damals war das für mich ein Ausdruck von Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen, die diesen Reis serviert bekamen. Aus heutiger Sicht war es vielleicht auch Respekt und Wertschätzung gegenüber dem Lebensmittel. Begriffe wie Lebensmittelverschwendung waren damals noch gar nicht geprägt. Ca. 20 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs warf man keine Lebens mittel einfach weg. Und wer weiß, was meine Mutter mit Reis machte, der auf den Boden fiel? Vielleicht hatte mich auch nur das Kehrblech schockiert.
Ich glaube, wir haben den Bezug zu Lebensmitteln verloren. Das drückt sich schon dadurch aus, dass wir Lebensmittel heute häufig auch Nahrungsmittel nennen. Dadurch nehmen wir die Emotionalität aus dem Thema und betrachten es eher sachlich und funktional. Durch die Versachlichung geht uns die Verbindung zur Erzeugung verloren – auch der Respekt vor den Tieren, die wir essen. Selbst die Landwirtschaft ist im weiten Teil längst zu Produktionsbetrieben mutiert.
Die Industrialisierung unserer heimischen Landwirtschaft birgt die Gefahr von Abhängigkeiten. Wenn Erzeugerstrukturen verloren gehen, sind sie nicht einfach wieder zu ersetzen. Schon heute wird auf weiten Teilen unserer Äcker Tierfutter angebaut – für den Fleischexport.
Ich glaube, es ist Zeit für einen Richtungswechsel – weg vom funktionalen Nahrungsmittel zum Mittel, das dem menschlichen Leben dient. Weg vom Preis hin zu Genuss und Verbundenheit – nicht zuletzt mit uns selbst.

"Auf alten Standpunkten sind keine neuen Ergebnisse möglich."
